Journal

20. November 2021

The last two hours of the night

Lieber Leser!

Nicht alles, was ich schreibe, wird zu einem Song. Manche Gedichte sind gar nicht erst zu diesem Zweck geschaffen worden, manche Songtexte passen zu nichts, was ich mit ASP oder Herumor vorhabe, und überhaupt schreibe ich mehr Texte, als ich jemals Lieder komponieren könnte – wobei ich „komponieren“ immer so hochtrabend finde. Das Wort „Songwriting“ mag ich lieber, aber aufgrund der unvermeidlichen Schreiben-Wiederholung in diesem Beitrag muss es mal wieder herhalten.

Das Schreiben befällt einen, wird als Geschenk empfangen, und ja, manchmal belästigt es einen auch. Das geht so weit, dass ein Gedicht zur geistigen Tür hereinspaziert kommt, obwohl man es in diesem Augenblick nicht unbedingt gebrauchen kann, weil man zum Beispiel in einer ganz wichtigen anderen Arbeit gefangen sein sollte.

Manchmal suche ich aber auch Texte.


Wenn ich das Gefühl habe, zu sehr in den eigenen Schreibmustern gefangen zu sein. Es gibt Augenblicke, da muss man sein Werkzeug-Köfferchen durchsehen und lange Unbenutztes abstauben, schauen, ob man den Dreh noch heraushat. Es gibt Augenblicke, da fühlt man sich Lichtjahre entfernt von einem früheren Selbst und spürt Ansichten oder Gefühlen nach, an die man sich nicht mehr recht erinnert.

Der Dichter hat es leicht, er kann sein Schreiben als U-Boot benutzen, um in die dunklen Tiefen seines Ozeans – oder seiner Pfütze, je nachdem wer am Ufer bzw. am Rand steht und urteilt – hinab zu reisen und zu forschen.

So entstand „Rooftop. Legs Yet dangling.“ Der Leser und ich sind uns selten einig, aber wir können bestimmt ausnahmsweise einer Meinung sein, wenn ich nun behaupte: Dieses Liedgedicht ist stilistisch von meinen anderen ASP-Arbeiten recht weit entfernt.

Vielleicht wollte ich deshalb das Experiment wagen, es von jemand anderem vertonen zu lassen. Am liebsten von jemandem, dem ich zutraute, das transportierte Gefühl möglichst passend umzusetzen, sozusagen das „Setting“, in dem der Song in meinem Kopf spielte.

Da fiel mir sofort Cassadi ein, dessen Songs ich auf der Kosmonautilus-Tour gerne und oft zum Runterkommen des Nachts auf dem Ohr hatte.

Der ließ sich darauf ein, und irgendwie entstand dadurch eine Zeitreise-Kaskade. Die eigentliche Klage eines alten Mannes, aber angesiedelt in einem jungen Szenerie-Teil seines Selbst, vertont von einem jungen Künstler, dessen Musik für mich beinahe 80er-Jahre-Vibes ausschwitzt, die mich an die frühe Aufbruchsstimmung der elektronischen Popavantgarde und frühen Düster-Wave-Melange erinnerten. Zeitreise-Paradoxien, da hätte jeder Star-Trek-Fan seine helle Freude daran. 

„Computer, Earl Grey! Heiß.“ 

Und dazu einen Spritzer schwülfeuchte Sommernacht auf der Dachterrasse eines Hochhauses. Von irgendwo her weht der Nachtwind Lippenblütlerduft und Mandelgeruch.

Zurück in die mir angestammte Rolle!


Asp:
Ich bin doch meist gefangen
zwischen Form und Reim-Korsetten,
auch da sie mir seit langem
bieten Schutz und Heimgefühl. Sie lassen mir entstehen,
bruchlos, Wort- und dann Satzketten.
Wie lenkst du das Geschehn?
Was führt dein Schreiben hin zum Ziel?



Cassadi:
I’d say I’m in corsets of a different kind
Be they for the body or the mind
I rime, but without reason
(For instance, I will not bother to find one for reason)
Words will be words
Sometimes I let them, sometimes I don’t
What they amount to is fiction
Only that I do not invent others
But myself
Is there a connection between the written and the real?
Where are you to be found in your words?



Asp:
Überall bin ich zu finden,
dort in meinem Worttheater,
führ Regie als Zeilenschinder,
oft als flüsternder Berater.
Steh nicht mitten im Geschehen,
nicht als Held dem Filmprojekt vor!
Was ich find beim In-mich-Gehen,
werf ich nur via Projektor
an die weißen Blätterwände,
bis dort nichts mehr steht als „ENDE“.



Cassadi:
I project not onto an empty space
But onto an image of myself
I disrupt, distort, dismantle
Create a god in my image
What I find inside myself
is amplified and dramatised,
turning flies into elephants
turning anecdotes into sonnets
turning inconvenience into tragedy
quite petty, actually

Asp:
Mücken in Elefanten,
doch auch Mammuts in haarige Räupchen.
Verwandlung vom Unbekannten
in Vertrautes und jedes Stäubchen
zur Welt unterm Mikroskop,
als Misan- und Philanthrop.
Sich selbst immer eingeschlossen.
Und über die Maßen gewichtig,
zugleich jedoch grenzenlos nichtig.
Und bald ohnehin schon verflossen.

Hab Dank, dass du es mit uns teilst,
was immer es aus- oder auflöst.
Woran du auch momentan feilst
und wofür du um Mitternacht aufstehst.
Es mögen nur Perlen gelingen
und mehr als nur Säue genießen,
egal ob beim Schreiben, beim Singen.
Es möge auch weiterhin fließen!




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