Journal

1. Mai 2021

DAS REICH DES EINHORNS

Kapitel 1: Einhörner sind mächtige Wesen

Lass mich dir eine Geschichte erzählen:

Seit Jahren liegt die Idee auf meinem Tisch, einen Song zu schreiben, der meine Verehrung für den wunderbaren Schriftsteller Peter S. Beagle ausdrückt und eine Hommage an seine phantastischen Werke darstellt. Nun geht es mir eigentlich fürchterlich auf die Fan-Nerven, dass Mr. Beagle hierzulande eher wenig bekannt ist, und das, obwohl seine Bücher sogar bei der ehemals mächtig zuverlässigen „Hobbit Presse“ verlegt wurden. Verlegt ist das richtige Wort, denn sie scheinen die Buchrechte oder ihr Interesse daran wohl irgendwie verschusselt zu haben. Die meisten seiner großartigen Werke werden momentan bei uns nicht mehr aufgelegt. Andererseits fühle ich mich ihm, dem fernen Autor, dadurch umso verbundener, diesem fabelhaften Geschichtenerzähler, denn man kennt das ja: Die richtig guten Sachen sind meistens nicht gleichzeitig die berühmtesten oder erfolgreichsten (Wink mit dem Zaunpfahlzaun *zwinkerzwinker*), nicht wahr?
Am bekanntesten ist wohl nach wie vor seine zauberhaft poetische Fantasy-Story „Das letzte Einhorn“ beziehungsweise bedauerlicherweise die Umsetzung als Zeichentrickfilm, die seit 1982 viele Generationen von Kitschfreunden zu begeistern versteht. Nein, das ist ein zu hartes Urteil. Immerhin schrieb Peter S. Beagle selbst das Drehbuch, was die Romanfreunde vor dem Schlimmsten bewahrt hat, und mit den unsterblichen Lied-Beiträgen von America hat man auch nicht den schlechtesten Fang gemacht. In der deutschen Synchro gibt es unter anderem einen prächtig aufgelegten Torsten Sense als Schmendrick zu hören und, merkwürdigerweise, auch den großen Christopher Lee. Ach, alles in allem und mit mehreren zugedröh…drückten Augen muss man sich nicht schämen, wenn man den Film okay findet.

Zeit für das große Aber: natürlich kein Vergleich zum Buch.

Wer sich davon überzeugen möchte, aber lesefaul ist: Es gibt eine akustische Fassung vom unvergleichlichen Andreas Fröhlich. Anhören!

Aber außer dem letzten Einhorn? Pustekuchen.

Seine anderen Werke sind so gut wie unbekannt. Teilweise sogar nicht einmal auf Deutsch erschienen. Schande! Schande! Schande!
Ich also, stets um ausgleichende Gerechtigkeit bemüht, wollte aufgrund dieser Tatsache auf keinen Fall ein Einhorn-Lied schreiben. Auf. Kei. Nen. Fall.

Schon gar nicht über „das letzte Einhorn“. Nein, ich wollte etwas besonders Tolles zu einem oder mehreren seiner anderen Geschichten verfassen. Tja. Nur zu welcher? Sind ja alle so gut.
Du kennst sicher den guten alten Ausdruck „die Qual der Wahl“. Mit der plagte ich mich herum. Und plagte mich. Und plagte mich noch etwas mehr und länger. Nun, ich bin eigentlich nicht für Schreibblockaden bekannt, eher für Lebeblockaden, während das Schreiben läuft wie am Schnürchen … Und immer hörte ich das leise Hufgetrappel im Hintergrund, während ich mir den Kopf zerbrach. Beherrschen Einhörner das Anschleichen? Ich bin mir nicht sicher. Peter S. Beagles Einhörner können das. Ob es nun das aus der „Sonate des Einhorns“ ist oder „In Kalabrien“ wohnt. Eigentlich bemerkenswert, dass das „letzte Einhorn“ das erste Einhorn aus Mr. Beagles Feder war.
Irgendwann fing ich an, trotzig ein Lied über einen Fuchs zu skizzieren, einem anderen Roman folgend. Der wollte sich aber partout nicht aus seinem Bau locken lassen, während ich, angespannt wie ein Jagdhund, vor dem Erdloch saß und wartete, dass er sein freches Näschen endlich herausstrecken möge. Vielleicht liegt es an meiner Abneigung gegen die Fuchs- (und auch andere Arten der) Jagd, dass er mir nicht zufliegen oder -schnüren wollte? Mir allerdings schnürte sich langsam, aber sicher die gute alte Deadlineschlinge zu, die ich mir selbst um den Hals gelegt hatte. Und dann dieses feine, leise Wiehern immerzu, wie ein Echo aus einem Traum.
Eine Zeit lang schaffte ich es sogar, es zu ignorieren. Nichts da! Ich schreibe doch keinen Einhorn-Song, nur weil … äh … ja, genau! Man hat doch seinen Stolz*. Aber Peter S. Beagles Einhörner trabten als kleine Herde an und taten etwas, das man eher Rudeljägern zutrauen würde als diesen scheuen Wesen. Sie kreisen mich ein, piesackten mich mit ihren magischen Hörnern und ließen nicht mehr von mir ab.
Man kann vieles über mich behaupten (und tut es zweifellos), aber nicht, dass ich nicht wüsste, wann ich aufgeben muss.

Und so schrieb ich ein Lied über Einhörner.

Fortsetzung folgt …


*Oder hatte ich den nicht irgendwann Ende des letzten Jahrtausends mit den Ungeschickten Liebesbriefen abgegeben?