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18. Juni 2016

Der lange Abschied vom Astoria

Verfallen News

Liebe Freunde
(alle anderen brauchen ab hier nicht mehr weiterzulesen)!

Welch ein Rausch!
Was für ein Wahn!
Was eine Lust!
Was für ein Lauf!

Fast anderthalb Jahre hat die Geschichte von Paul und dem Astoria mich nun in Atem gehalten. Es war eine unbeschreibliche Anstrengung und eine wahnsinnig erfüllende Erfahrung.
Wie im Wahn habe ich geschrieben, wie im Rausch haben wir produziert und gespielt, als ginge es um unser Leben. Dagegen war alles vorher nix, dagegen waren die wirklich harten Jahre Ferien auf dem Ponyhof.
Aber sie waren trotzdem toll, weil wir ein hervorragendes Team waren.
An dieser Stelle möchte ich mich bei allen, die zum Gelingen der beiden Teile von „Verfallen“ beigetragen haben, von ganzem Herzen bedanken! Ohne euch wäre das alles nicht möglich gewesen.
Schon gar nicht in dieser Lichtgeschwindigkeit.

Ich will ehrlich zu euch sein, liebe ASP-Unterstützer dort draußen:
Diese beiden Alben haben mir alles abverlangt und doch so viel zurückgegeben. Ich hatte neulich auf einer längeren Fahrt durch das Land (übrigens um die Weichen für ein neues Bilderbuch mit einem ebenso talentierten wie sympathischen Künstler zu stellen) die Gelegenheit, diese beiden Werke komplett am Stück zu hören, und bin sehr zufrieden mit dem Geschaffenen und Geschafften.

Ich bin vor allem überglücklich über den Umstand, dass die einzelnen Songs, die wir auf den vergangenen beiden Tourneen live gespielt haben, so gut angenommen wurden von euch, dafür wirklich zutiefst und von Herzen: Dank an euch!

Und sie funktionieren hervorragend, auch herausgepflückt aus dem eng verwobenen Flechtwerk des Verfallen-Kosmos.

Als wir die Pressefotos für das Album planten, hatte ich die Idee, mich selbst so darzustellen, als sei ich Tage, vielleicht Wochen im gespenstischen Astoria herumgeirrt, hätte versucht, ihm zu entkommen. Also ließ ich mir Bart und Haare stehen und wälzte mich zuerst mal ausgiebig in Dreck und Spinnweben, bevor ich einen äußerst krassen Tag in einem absolut eisigen Gemäuer verbrachte, was Joachim Luetke und Team viel Freude zu machen schien.
Wäre ich Schauspieler, so würde man das wohl „Method Acting“ nennen. Es war ein Schritt in die Fänge der anderen Astoria, die nichts mit derjenigen zu tun hat, die Paul kennen lernt und der er verfällt, sondern mit der Verfallen-Erzählung selbst.
Und der bin ich verfallen, ohne es richtig zu bemerken.
Sie hat mich wie ein Mahlstrom in die Tiefe gerissen.

So wurde der Titel der beiden Alben um eine weitere Bedeutung ergänzt, denn auch ihr Erschaffer ist ihr hemmungslos und mit Haut und (jaja) Haar verfallen.

Richtig bewusst wurde mir das, als „Fassaden“ erschienen war und die Tour in Leipzig (un.freakin.believable! Was ein unfassbares Konzert!) geendet hatte.

Plötzlich war es vorbei, und ich kam doch nicht davon los.
Es ging nicht.
Ich löschte metaphorisch das Licht, verstaute die Souvenirs in Schubladen und kam doch nicht los. Ich sortierte alle meine nicht erzählten Nebengeschichten und schob sie mit bedauerndem Blick in eine Schublade. Übrigens steht auf der Schublade „vielleicht irgendwann?“. Also mal sehen. Denkt nicht jeder Regisseur schon bald an einen Extended Director's Cut …?
Stop! Aus! Schluss! Du tust es schon wieder, Asp!
Ich wischte mein Whiteboard sauber, auf dem ich einen Zeitstrahl der Ereignisse der Story angelegt hatte.

Es brachte nichts. Ich wollte die Arbeiten an den GeistErfahrer-Songs beginnen, und es ging nicht.
Das Hotel wollte mich nicht loslassen. Dort unten sind nun Pumpen in Betrieb, und im Oberstübchen brennt noch Licht…

Wie ihr euch denken könnt: ein untragbarer Dach-Schaden für einen ständig auf neue Abenteuer versessenen irren Architekten wie mich.

Also habe ich mich aufgemacht nach Leipzig.
Habe Abschied genommen vom Astoria-Bau und mich bedankt.
Ich fürchte, einige Passanten hielten mich für einen Irren, so wie ich meine Wange an die Mauer gelegt habe… nett, dass niemand die Polizei gerufen hat. So ist Leipzig! Schwarze Gestalten haben da immer etwas mehr Narrenfreiheit, so scheint es mir. Nicht nur zu Pfingsten.

Der Bau. Bin drum herumgelaufen, bis ich gespürt habe: Ja. Jetzt ist es vorbei.
Jetzt darf ich gehen.
Beweisfotos anbei.

Mittlerweile gibt es gute Nachrichten: Das Hotel wurde von einem Investor gekauft, der tatsächlich etwas mit Hotels zu tun hat. Ein Lichtstreif am Horizont? Hat das echte Astoria eine Zukunft? Vielleicht.
Unsterblich ist es nun auf jeden Fall. Dafür sorgt ihr dort draußen schon.
Ich weiß, es ist viel verlangt, gerade in unseren schnelllebigen Tagen, an denen jeder nur noch selten Zeit hat, sich mal eben 150 Minuten Musik anzuhören. Aber ab und zu: Legt sie ein, die beiden Alben, und lasst Paul und Astoria weiterleben…

Vielen Dank erneut an Kai Meyer, nicht zuletzt ist es ja ihm zu verdanken, dass ich mich überhaupt in das alte Gemäuer verirren durfte.

Nun freue ich mich auf den Schme… äh, Fremder-Zyklus.
Die ersten Ideen klopfen bereits an meiner Tür. Pssssssscht! Ruhe da draußen. Nicht alle auf einmal!

Danke für die Aufmerksamkeit.
Asp